Freitag, 27. November 2015

Gedanken über den Reiz etwas zu "entdecken"

Was mir an den abseitigen Routen immer besonderen Spass macht ist  nicht irgendein sportlicher Aspekt und auch nicht nur, jetzt den Berg quasi für mich allein haben zu wollen, sondern, was wirklich eine große Rolle spielt ist, der Reiz etwas zu entdecken oder zumindest, die Illusion etwas entdeckt oder herausgefunden zu haben. Klar, Waldarbeiter, Jäger, Wilderer, Senner, andere Wanderer  waren zu 99% schon vorher da. Ein bisschen Abenteuer ist für mich auch dabei, denn es ist ungewiss was mich im Detail erwartet, ob ich einen Steig finde etc. Vielleicht muss ich auch wieder umkehren was auch schon öfters vorgekommen ist. Was ich jetzt genau damit meine vllt. verdeutlicht an 2 Beispielen:

So ging es mir letzte Woche, auf der Saisonabschlusstour vor dem Wintereinbruch: Ich bestieg einen Gipfel auf der Reiteralpe, der laut AV-Führer "nur sehr selten bestiegen wird". Die Beschreibung erschöpft sich dann auch in "weglos durch dichte Latschen zu erreichen". Es waren 3 Versuche notwendig, bis wir schließlich den Durchschlupf durch's Latschendickicht fanden, umso größer die Freude dann den sehr sparsam freigeschnittenen Aufstieg entdeckt zu haben  und es war einfach genial auf dem Gipfel stehen zu dürfen (Bild). Ich trage den Aufstieg NICHT in die Open Street Map ein, denn genau das ist der Reiz an diesem, ansonsten zum Glück auch unscheinbaren Gipfel. Weitere Höhepunkte der Tour waren Almruinen, ein Hirsch mit mächtigem Geweih und ein Hermelin im Winterkleid.

Ein weiteres Beispiel war eine mehrtägige Herbsttour ins Karwendel. Sie führte mich zur Pfeishütte und weiter auf die Praxmarerspitzen. Ich kam mit den anderen Leuten auf der Hütte ins Gespräch, die üblichen Themen, wann man aufstehen will, was man am nächsten Tag noch vorhat usw. Ich hatte kurz in meinem alten AV-Führer die sehr knappe Südgrat Beschreibung überflogen und hatte dann beschlossen mir das vor Ort mal anzuschauen und dann zu beschliessen ob Normalweg oder Südgrat.  Das erzählte ich auch den Anderen und erstmal war ich überrascht - "ah ja, da hab ich die Hikr Beschreibung gelesen" - wie schnell doch diese Internet Beschreibungen die Runde machen. Nur ich hatte sie mir nicht angeschaut... Im Endeffekt war's aber gut so, dass ich's nicht getan habe, denn, ich fand ein Grasband was mich wesentlich einfacher zum Südgrat führte und ich kehrte in der markanten, zunächst einladenden Rinne kurz vorm Gipfel instinktiv um und hielt mich rechts davon, was auch deutlich einfacher, da weniger brüchig war. Rückblickend wäre ich auch über die Rinne heraufgekommen, aber ich hab' da eine Regel: Wenn ich nicht weiss oder einsehen kann, was mich erwartet, geh' ich nur soweit, wie ein Rückzug unproblematisch ist. Jene Rinne wird in einer Internet Beschreibung angepriesen. Den Südgrat empfand ich im Übrigen doch um einiges schwerer, da unangenehm schottrig-brüchige Stellen vorkommen, als den Normalweg. Insgesamt eine tolle Runde, es gibt Konditionsbolzen, die gehen sie an einem Tag mit Radlunterstützung, für mich dann doch die 2 Tages Variante, immer noch anstrengend genug.

Bild: Das edle und bestimmt nicht gerade billige neue Gipfelkreuz auf der östl. Praxmarerspitze

In letzter Zeit bin ich zudem ein wenig ins Grübeln geraten: Es ist jetzt schon so das ich ganz bewusst NICHT die genauen Internet Beschreibungen durchlese. geschweige denn ausdrucke. Die früheren AV-Führer Beschreibungen waren recht knapp, man kriegte so eine Idee wo es lang ging, die  technischen Schwierigkeiten (UIAA usw.) waren aufgeführt, aber es blieb immer noch genug Sucharbeit übrig. Meine Abseits-Aufwärts Büchlein sind da schon ein wenig ausführlicher, aber auch hier ist noch Orientierungssinn und Eigenleistung gefragt, abseits vom Sportlichen. Mir ging die Frage durch den Kopf:

Was ist dann, wenn der ganze Voralpenraum genauestens kartiert, mit Beschreibung & GPS protokolliert, abfotografiert, im Internet archiviert und damit für jeden und immer abrufbar ist ? Was ist mit den Leuten die nach mir kommen, die jetzt erst die Bergwelt kennenlernen, gibt es für die dann überhaupt noch etwas zu "entdecken"? 

Deshalb fallen meine Beschreibungen im Büchlein auch etwas "rudimentärer" aus. Deshalb trage ich auch nicht mehr jeden Steig in die Open Street Map ein. Ich werde in den nächsten Wochen, ausgehend von der Umfrage (Danke für die Teilnahme!) einmal schaun, wie so eine Neuauflage  ausschauen könnte, ob es Sinn macht. Vllt. mache ich mir aber auch einfach zuviele Gedanken...

Bild: Felsenfenster zwischen westl. und östl. Praxmarerspitze

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